Nach einer ruhigen Nacht in der Quinta Tiffany sind wir nach Yaguarón (abgeleitet vom Guaraní-Wort „Grosser Tiger“) gefahren. Hier gibt es den „Tempel von Yaguaron“ (Templo San Buenaventura de Yaguarón). Es ist eine gut erhaltene Franziskaner-Missionskirche im Stile einer Jesuiten-Kirche. Sie ist für ihre einfache Aussenfassade und ihren reich verzierten Innenraum bekannt ist. Die Kirche aus dem 18. Jahrhundert ist ein bedeutendes Beispiel der Guaraní-Barockkunst (indigene Bevölkerung vor allem in Paraguay), ein Symbol der paraguayischen Kolonialarchitektur. Eigentlich wäre die Kirche am Montag geschlossen gewesen. Wir wollten bei der Gemeindeverwaltung nachfragen, ob diese wirklich am Dienstag geöffnet sei, da die Informationen in Google nicht immer verlässlich sind. Just in diesem Moment kam Jorge, ein Touristen-Führer und sagte, dass es kein Problem sei, er kenne den Sakristan und würde ihn fragen, ob er für uns aufschliessen würde. Gesagt getan – wir hatten mit Jorge einee tolle Kirchenbesichtigung und haben die Privatführung sehr genossen.















Danach ging es weiter Richtung Independencia (auch Colonia Independencia genannt). In Paraguay sind wir bis dahin vorwiegend durch flache aber nicht weniger interessante Gegenden gefahren. Ab hier ist die Landschaft geprägt durch das Gebirge Cordillera del Ybytyruzú, eine recht hohe Hügelkette. Hier befindet sich auch der zweithöchste Berg Paraguays, der Akati mit einer Höhe von 600 m.
Da wir es wenn immer möglich vermeiden, in der Nacht zu fahren, haben wir zuerst in Piribebuy, im el Rancho de los Caballos, bei Monika übernachtet. Sie hat ein grosses Anwesen, wo sie extra für Wohnmobile einige Plätze eingerichtet hat. Am nächsten Tag ging es dann weiter nach Independencia.
Independencia wurde 1919 von Deutschen Winzern aus Baden gegründet. Per Dekret stellte die paraguayische Regierung 10‘000 Hektar Land für die Einwanderer zur Verfügung und vergab jeweils 10 Hektar an Alleinstehende und 20 Hektar Land an Familien. Später kamen auch Siedler aus Österreich und der Schweiz dazu. Der Weinbau war früher ein wichtiger und vorrangiger Wirtschaftsfaktor in der Kolonie. Das änderte sich, als bessere chilenische und argentinische Weine auf den Markt kamen. Auch der Anbau von Mate, Baumwolle, Zuckerrohr und die Renderhaltung gewannen immer mehr an Bedeutung, wodurch der Weinbau immer mehr abnahm. Heute ist Paraguay und insbesondere auch diese Region bei Auswandern, v.a. aus Deutschland und der Schweiz, sehr beliebt. Der Auswanderertourismus gewann v.a. auch in und nach der Pandemie noch mehr an Bedeutung. Viele Personen, die mit der Corona-Politik und und/oder mit dem System in Europa nicht mehr zufrieden sind, finden in Independencia ein neues zu Hause. Die Vorschriften sind recht pragmatisch, Aufenthaltsbewilligungen sind einfach zu bekommen und Land kann unbürokratisch erworben werden. Wir haben ein Schweizer Paar getroffen, das vor vier Jahren ausgewandert ist und eine Deutsche Familie. Beide haben den Entscheid nicht bereut und fühlen sich auch in den lokalen Clubs und Ländertreffen sehr wohl und aufgehoben. Im Ort gibt es verschiedene Geschäfte mit deutschen Produkten, wie Brot, Fleisch, Bio-Artikel, etc.



In Independencia standen wir auf dem Parkplatz eines ehemaligen Weingutes, das heute von einer deutschen Familie als B&B betrieben wird. Daneben führen sie eine Beratung „Mein Land Paraguay“ für Auswanderungswillige und stehen mit Tipps und konkrete Land- und Hausangebote zur Verfügung.


I

n den nächsten Tagen haben wir uns den Jesuiten gewidmet; wir waren sehr beeindruckt. Im Departement Misiones haben wir zwei Museen über die Jesuiten und ihr Wirken angeschaut, im Departamento Itapúa die Überreste der drei Jesuiten-Missionen San Cosme y Damián, Santísima Trinidad de Paraná und Jesús de Tavarangué. Diese Reduktionen liegen alle rund um die Grosstadt Encarnación, die wir aber nicht besuchen werden.
Die Jesuiten gründeten im 17. Jahrhundert in Paraguay und der umliegenden Regionen rund 30 Missionen, sogenannte Reduktionen, um die einheimischen Guaraní zu evangelisieren und sie vor Sklaverei zu schützen. Diese Siedlungen waren oft autarke Gemeinschaften. „Reduktionen“ folgten einem festen Muster. Eine Kirche mit Pfarrhaus, Verwaltungsgebäude, Werkstätten und Hauptplatz bildeten das Zentrum. An den drei freien Seiten des Hauptplatzes erstreckten sich die langen Wohnhäuser der Guaraní, wobei deren Häutling immer das grösste Haus hatte, um auch Versammlungen unter den Indigenen abhalten zu können. Wir hatten vorher viel über die Jesuiten-Reduktionen gelesen, in den Führungen durch die Guaraní-Guides haben wir noch mehr erfahren. Es waren immer nur 2 – 3 Jesuiten-Pater in einer Mission. Dabei wurde eine strikte Gewaltentrennung zwischen Religion (Jesuiten) und Politik (Häuptlinge der Guaraní) verfolgt. Die indigene Bevölkerung wurde zwar evangelisiert, durften aber trotzdem ihre Naturreligion zu einem grossen Teil beibehalten. Die Guaraní lernten europäische Fertigkeiten wie Ackerbau und Handwerk, was zu beeindruckenden Leistungen Landwirtschaft, in Kunst und Architektur führte. Die Überreste der Kirchen zeigen aufwändige Stein- und Holzskulpturen und andere Kunstwerke der Guaraní. Im Gegenzug vermittelten die Indigenen den Jesuiten Ihr Wissen über Pflanzen und ihre Heilwirkung. Auch die Nutzungen des wildwachsenden Yerba Mate, der bis heute als eine Art Markenzeichen der Region Itapúa gilt, wurde übernommen und es gelang den Jesuiten den Yerba Mate zu kultivieren und anzubauen. Die Sprache Guaraní wurde beibehalten und daneben das Spanische gelehrt. Der wirtschaftliche Aufschwung und der neue gesellschaftliche Glanz der Indios wurde jedoch zum Problem für das Königshaus Spanien und dessen Gesellschaft. Sie fühlten sich von den Jesuiten Reduktionen bedroht. Nach der Abtretung grosser jesuitischer Gebiete an Portugal im Vertrag von Madrid (1750) begann der Kampf gegen den Orden. Viele Jesuiten wurden 1767 ausgewiesen und die Reduktionen zerschlagen. Der Film „Mission“ mit Robert de Niro zu diesem Thema ist übrigens sehr sehenswert (https://de.wikipedia.org/wiki/Mission_(Film).
Das Museum San Ignacio Guazú war ganz interessant, auch wenn die Dame am Eingang nur ein Interesse hatte: unser Eintritt zu kassieren. Viel erklären wollte sie nicht und beschäftigte sich lieber mit ihrem Handy und ihren Fingernägeln. Überall hatte es noch einen QR-Code für weitere Erläuterungen; als wir diesen ausprobieren wollten, meinte sich lakonisch „es täte ihr leid, man hätte vergessen diesen auf die neue Version (was immer das bedeutet) anzupassen“.



Bevor wir weiter Richtung der drei Reduktionen gefahren sind, haben wir hinter San Ignacio Guazú am Hotel Rural & Camping von Gustavo übernachtet. Ein sehr netter Mann, er hatte uns noch Salat gegeben, damit wir ja nicht verhungern. Ah ja – nachdem er wusste, was wir beruflich machten, zeigte er uns mehrere Youtube-Videos von einer Argentinierin, Rocío, in den sozialen Netzwerken bekannt als „La Chica Robot” (das Roboter-Mädchen). Sie hat sich einen Chip einbauen lassen und ist der erste Humanoid der Republik Argentinien. Ihr Körper besteht aus Fleisch, Knochen und Metall. Ihre Beziehung zu einem anderen Roboter findet über einen USB-Anschluss statt, den die Programmierer aber erst freigeben müssen (nein, wir haben uns keine weiteren Gedanken über den Verlauf des Abends in der Verwendung eines USB gemacht). Wir dachten erst, es sei ein Witz, ist es aber wohl nicht – die Dame glaubt fest daran, dass sie ein Roboter ist: https://youtu.be/EZ381HuuhIk
Am nächsten Morgen besuchten wir das Museum Santa María de Fe. Hier hatten wir eine sehr gute Führung. Da die Museumsführerin langsam und verständlich Spanisch gesprochen hatte, konnte wir den Ausführungen gut folgen.






In unserer ersten Jesuiten-Reduktioin San Cosme y Damián, welche seit 1718 am heutigen Standort am Ufer des Rio Paranà ist. Pater Buenaventura Suarez (Mathematiker, Physiker und Gelehrter) kam 1703 nach San Cosme y Damian und er baute mit den Guaraní ein Fernrohr und eine Sternwarte. Er war ein Liebhaber der Kosmologie und er konstruierte eine Sonnenuhr, die man noch heute sehen kann. Der Jesuitenpater war der erste Astronom der südlichen Hemisphäre. Die Ruinen sind vom Dorf umschlossen und dadurch wirken sie sehr belebt.

astronomisches Instrument, das aus mehreren miteinander verbundenen, drehbaren Ringen besteht und zur Darstellung der Bewegung von Himmelskörpern dient.






Nach diesem ersten Eindruck einer Jesuiten-Reduktion sind wir weitergefahren nach Santísima Trinidad de Paraná (Heiligste Dreifaltigkeit), wo wir auch die Nacht verbringen durften. Heute noch sehenswert sind die Überreste der von Juan Bautista Prímoli geplanten Kirche mit dem Glockenturm, dem Taufbecken, der Kanzel und der Sakristei aus dem Jahre 1712. La Santisima Trinidad de Paraná gilt dank des der ebenfalls bestehenden Überreste vom Hauptplatz, des Friedhofs und der Wohngebäude der indigenen Bevölkerung als am besten erhaltene Jesuitenreduktion der Region. Besonders berühmt war diese Reduktion wohl für ihren Chorgesang und die Herstellung sowie der Bau und die Nutzung von Musikinstrumenten wie Orgel, Violinen, Viola und Cello sowie Flöten. Dies wird auch in den Reliefs gezeigt, in denen über 30 Engel verschiedene Instrumente spielen. Wir haben die Abendführung mit Lichtershow mitgemacht, die uns aber wenig beeindruckt hatte. Am nächsten Tag haben wir uns die grosse Anlage nochmals alleine angeschaut.














Danach ging es zur letzten Jesuiten-Reduktion, nach Jesús de Tavarangué. Der Bau wurde erst im Jahre 1758 begonnen und nie fertiggestellt. Deshalb heisst die Reduktion auch Jesús de Tavarangué (übersetzt aus dem Guaraní „Stadt, welche hätte sein können“). Dieser Tempel ist eine Nachbildung der Kirche von Loyola in Italien. Die architektonische Gestaltung dieser Reduktion stammt vom spanischen Architekten Antonio Forcada, die ihr mit den charakteristischen Dreipassbögen der maurischen Kultur seinen eigenen Stil auferlegte. Diese Mission hat uns sehr beeindruckt und wir haben erst eine Führung mit Lira (eine deutschstämmige) Paraguyanerin gehabt, welche uns sehr viel weitere Informationen vermittelt hat. Am Abend nahmen wir noch an der 3D-Vorführung statt (leider waren ausser uns keine weiteren Besucher da) und am nächsten Tag machten wir uns nochmals auf die Pirsch nach Vögeln, die aber aufgrund des starken Windes und aufziehendem Gewitter nicht so ergiebig war.



























Und ehe wir Paraguay verlassen, wollen wir uns noch die Herstellung von Yerba Mate ansehen; dafür ist Bella Vista der ideale Ort. Bella Vista, ebenfalls eine deutsche Gründung, ist seit 1997 per Dekret die offizielle „Hauptstadt von Yerba Mate“. Yerba Mate bedeutet so viel wie Matekraut und wird auch „grünes Gold“ der Guaraní genannt. Yerba Mate wurde von den Guaraní seit Urzeiten geerntet, aber immer nur direkt vom Baum verwendet. Der Anbau, die Verarbeitung (Trocknen mit Hilfe von Feuer und Malen, etc.) und die letztendliche Vermarktung wurde durch die Jesuiten in ihrer Missionszeit entwickelt und verfeinert. Mate gilt als natürlicher Muntermacher mit auch entgiftender Wirkung. Sie wird traditionell mit der Bombilla (Art Strohhalm) aus einer Kalebasse (usprünglich ein getrockneter Kürbis, deshalb die Bezeichnung Kalabasse) getrunken. Die Führung in der Mate-Produktionsfirma Selecta, welche auch die erste Mate-Bar (Degustation von Mate und Tereré ) betreibt, war sehr informativ. Wir bevorzugen Tereré. Dies ist ebenfalls Yerba Mate, allerdings wird er mit kaltem oder sogar eiskaltem Wasser aufgegossen. Häufig werden auch andere Kräuter wie Minze beigemischt. Tereré ist ein Wort der Guaraní, eine die den Klang beschreibt, der beim Trinken der letzten drei Schlücke des Aufgusses mit der Bombilla entsteht; es ist ein Schlürfgeräusch. Im Gegensatz zum Mate wird allerdings Tereré meist aus länglicheren Gefässen getrunken, welche aus Horn oder Palo Santo (zu Deutsch Heiliges Holz, das nur in Mittel- und Südamerika heimisch ist und einen sehr angenehmen Eigengeschmack hat), hergestellt sind.




















Wir haben uns entschieden, den Rückweg vom 4 km zum Hotel Encanto Rural zu Fuss zu machen, allerdings war der Weg nicht so schön, denn er verlief der Hauptstrasse entlang. Nach gut einem Kilometer hielt ein grosser weisser Wagen neben uns. Das Ehepaar fragte, ob sie uns mitnehmen sollen. Wir sind dankend eingestiegen und es hat sich herausgestellt, dass die Frau die Tochter der Gründerfamilie und Besitzers der Firma Selecta ist und ihr Mann der Bürgermeister von Bella Vista Sur. Wieder ein Beispiel, wie nett die Paraguyaner sind. Wir haben uns hier sehr wohl und willkommen gefühlt.
Und Morgen werden wir Paraguay verlassen und nach Argentinien fahren
WELCH ein eindrücklicher und vielseitiger Blog, unglaublich was ihr alles erlebt habt, ich ziehe die tollen Fotos und aufschlussreichen Ausführungen sicher etliche male rein, es ist so spannend , vielen Dank euch Lieben dass wir das alles miterleben dürfen . ich wünsche euch viel Glück und Spass auf eurer Weiterreise bin in Gedanken bei euch , herzliche Grüsse aus der kleinen Schweiz .
Danke Mams, ja – es ist unglaublich und die Herzlichkeit ist unvorstellbar.
Liebe Grüsse und dicke Umarmung
Claudia
Mir scheint, dass es so ziemlich gefährliche Drogen in diesem Land gibt. Sonst käme die gute La Chica Robot nicht auf solche Ideen.
Unglaublich
Ja – was diese Dame zu sich genommen hat, ehe sie sich das angetan hat, ist sehr fraglich